Hauptmenü
Vitale Träume und volles Leben oder vom Malen hinter den Spiegeln
Betrachtungen zu einigen Bildern von LINDE KAUERT
Nachdenkliche Gesichter mit feinem Lächeln und geheimnisvolle, manchmal gehörnte Masken, schmale, mitunter durchsichtig scheinende Körper mit überlangen Gliedern und rätselhafte Tiergestalten bevölkern die Bildräume der Berliner Malerin. Vor intensiven Farben hat sie keine Angst, auch nicht vor manchmal schrillen Kontrasten und eigenwilligen Überlagerungen von Farbschichten oder ungewöhnlichen Formfindungen und gewagten Nachbarschaften. Manche Bilder strahlen eine unbekümmerte, jugendlich-
Kauerts Bildszenen haben auf den ersten Blick eine erzählerische Dimension, der sich jedoch im zweiten Hinsehen eine ikonografisch-
Neu in ihrem Werk sind die erst kürzlich entstandenen »Spiegelungen«. Der Spiegel als Medium der Erkenntnis hat in der abendländischen Kulturgeschichte eine lange Tradition. Er findet als Symbol für Wege zur Selbsterkenntnis, die begrenzten Möglichkeiten der Wahrnehmung von Welt und Wirklichkeit und als künstlerisches Motiv und Material zur Gestaltung von Räumen seit der Antike vielseitige Verwendung in allen Künsten. In seiner Fähigkeit, die Welt abzubilden und damit über die Beschaffenheit der Welt zu reflektieren, liegt die Verlockung für alle Künstler.
In Kauerts Spiegelbildern ist der Spiegel zunächst eine strukturierende Form: eine trapezförmige Fläche, die als ästhetische Störung des Bildraumes wirkt, diesen diagonal durchschneidet und damit eine besondere Spannung auslöst, indem sie Person und Abbild zu definieren vorgibt. Doch nimmt sich die Künstlerin die (malerische) Freiheit, die geometrischen Realitätsbezüge, die der Spiegel erzwingen will, aufzulösen und eigene Spiegelbilder zu erfinden. Sie stellt damit einen Bezug zu einer außerbildlichen Wirklichkeit her – eine ganze Welt hinter dem Spiegel, auf die sie dem Betrachter einen verheißungsvollen Blick gestattet.
Berlin, im Juni 2oo6 Dr. Brigitte Hammer